Medizinerwissen Teil I
Medizinerwissen Teil I
Hallo Beachwoman,
ich bin Arzt.
Ihre Vorstellungen (und die junger Medizinstudenten und Medizinstudentinnen) über das, was ein(e) Arzt/Ärztin im Studium lernt und die Realität decken sich nur wenig.
Das ist aus meiner Sicht betrüblich, aber jede Gesellschaft bekommt die Elite (den Begriff bitte ich jetzt wertneutral zu verstehen) die sie sich heranzieht. Wenn Sie Ausbildungs-, Arbeits-, Karriere-, und Entlohnungsbedingungen schaffen wie bei uns, dann sehen Sie nach eingen Jahrzehnten die erfolge:
Ärzte behandeln am liebsten Patienten, die nicht oder nicht nennenswert krank sind, mit Methoden für die es Leitlinien gibt, die das Nachdenken erübrigen und Verfahren die systemkonform abgerechnet werden können.
Der Doktor wird bei uns fürs "doktern" - also dem Abwickeln von Prozeduren - bezahlt, nicht fürs Denken. Das Resultat sehen Sie.
Ein (leider mir nicht mehr genauer erinnerlicher bayrischer) Politiker formulierte das so: Wenn wir die Zimmerleute fürs nageln bezahlen würden, dann würden sie nageln auf Teufel komm raus. Sie würden Maschinen fürs vollautomatische nageln erfinden, egal ob ein Nagel an dieser Stelle notwendig, sinnvoll, überflüssig oder schädlich ist. Ihre Taschen wären voll, ihre Hirne vernagelt und Sie würden nie wieder ein ganzes Haus aufstellen.
Genau so läuft das in der Medizin.
Und jedes Jahr verlassen von 11000 Medizinstudenten 9000 die Universitäten mit einem Staatsexamen, 2000 steigen aus den verschiedensten Gründen, sicher auch, weil sie sich den Beruf anders vorgestellt haben, das Fach ohne Abschluß.
Von den 9000 gehen nur 7500 in den nächsten Abschnitt (Klinik, also bisher AIP, jetzt Mindestweiterbildung). Ohne diese klinische Arbeit werden sie nie in der Lage sein, Patienten zu behandeln, weil Ihnen dazu noch Papiere fehlen. Diese gehen z.B. zur Lufthansa und werden dort Pilot, werden Lektoren, Fachredakteure, Lehrer, und was weiß ich noch alles.
Von den 7500 jedes Jahr müssen 500 bis 800 den klinischen Abschnitt abbrechen, weil sich Partnerschaft, Familie und Beruf nicht vereinbaren lassen; weil die mörderischen Arbeitsbedingungen mit Wahnsinns-Diensten früh die Gesundheit ruinieren (oder tatsächlich in die "Geistes" oder psychosomatische Krankheit führen. Weil extremes Mobbing der "Neuen" die Illusion von einer erfüllten und erfüllbaren beruflichen Tätigkeit zusammenbrechen lassen.
Von den verbliebenen 6500 oder weniger müssen weitere 800 ihre Facharztzeit abbrechen, Gründe wie oben.
Weitere 800 bis 1100 gehen derzeit jedes Jahr - schon gut qualifiziert - ins Europäische Ausland (Skandinavien, GB, Irland, aber auch Italien) wo sie übereinstimmend von wesentlich besseren Lebens und Arbeitsbedingungen berichten. Seien Sie versichert, von denen kommt nur ein minimaler Teil jemals dauerhaft nach Deutschland zurück.
Die restlichen gut 5000 fertig ausgebildeten Fachärzte und erfahrenen Kliniker gehen in die Niederlassung oder machen Klinikkarriere (die erhebliche Hornhaut auf den Ellenbogen, einen Büffelnacken für die Tritte von oben und eine Schweißerbrille vor der Seele verlangt, damit man das Elend nicht wahrnimmt und daran verzweifelt).
Und diese 5000 selbstausbeuterischen, hypertrophierten, persönlichkeitsverbogenen, egomanischen Work-a-holics reichen nicht aus, die 5500 jährlich in Altersruhestand gehenden (oder durch Selbstmord sterbenden oder sonstwie ausfallenden Ärztinnen und Ärzte zu ersetzen).
Als ich begann, kostete die Ausbildung in der Medizin für den Staat rund 150.000,- DM pro Studienplatz (wohlgemerkt, nicht pro erfolgreich in das System eingegliedertem Arzt). Jetzt sind wir bei Kosten von rund 250.000,- Euro!
Unsere Ausbildung zum Mediziner (besser Biotechniker Fachrichtung humane Systeme) - nur wenige werden tatsächlich auf dem zweiten, autodidaktischen Bildungsweg irgendwann Ärztinnen und Ärzte, produziert mehr als 50% Prozent Ausschuß. Eine gigantische Ressourcenverschwendung - aber wir -als Gesellschaft- meinen uns das ja leisten zu können.
(zweiter Teil aus technischen Gründen folgend)
GS